Meerschweinchensucht - eine unheilbare Krankheit unserer Zeit ?

Von Prof. Dr. Cavy Guinea´Pig


 

Einleitung:
Die Meerschweinchensucht ist eine ernstzunehmende Krankheit nicht nur unserer modernen Zeit, sie verbreitet sich bereits seit hunderten von Jahren über den gesamten Erdball. Heute tritt sie in ihrer schweren Form, bei der Meerschweinchen nicht als Nahrungsmittel gehalten werden, allerdings überwiegend, aber nicht ausschliesslich, bei Frauen auf. Sofern die Infektion im Kindesalter beginnt, liegt eine Heilung noch im Bereich des Möglichen, spätere Rückfälle im Erwachsenenalter sind allerdings nie auszuschliessen. Bei einer späteren Infektion besteht nach dem derzeitigen Kenntnisstand kaum noch Hoffnung auf Heilung.
Wie äussert sich nun eine Meerschweinchensucht?
 

Krankheitsbild:
Meerschweinchensüchtige verwenden zunächst eine eigene Sprache, in der beispielsweise die Wörter "muig", "purr", "bromsel" haeufig benutzt werden. Weiterhin versuchen sie, ihre Partner mit, von den Meerschweinchen abgelehntem, Meerschweinchenfutter (z.B. getrocknete Hagebutten) zu füttern  und ernähren sich teilweise selbst von Meerschweinchenfutter.  In besonders schweren Fällen streben die Erkrankten eine Vermehrung ihrer Meerschweinchen an und finanzieren so einen Teil ihrer Sucht über den Verkauf überzähliger Tiere , womit sie zur weiteren Verbreitung der Krankheit beitragen. In vielen Fällen führt dies sogar zu einer Verschlimmerung des bestehenden Krankheitsbilden . Besonders kritisch ist der Besuch von sogenannten Meerschweinchen-Ausstellungen, da dort immer wieder Verkaufstiere  angeboten werden . Ebenfalls zu vermeidende Orte sind Tierheime  und auch der Besuch von Zoohandlungen kann zu Problemen führen, wobei hier allerdings bei vielen Abhängigen eine leichte Resistenz zu beobachten ist. Eine weitere Erkennungsmöglichkeit ist das Verhalten der Süchtigen beim Einkaufen. Im Bereich Gemüse und Obst werden in der Regel nur die Produkte gekauft, die
von den Meerschweinchen bevorzugt werden und das häufig in so grossen Mengen, dass das Verkaufspersonal irritiert wird . Weiterhin neigen Süchtige dazu, ihre besten Wohnräume den Meerschweinchen zur Verfügung zu stellen  und die Wände anderer Räume mit essbaren Nahrungsmitteln zur Erbauung der Schweine zu dekorieren oder die Wohnung mit Futter und Käfigeinstreu zuzustellen . In besonders schweren Fällen verbringen die Süchtigen einen grossen Teil ihrer Zeit damit, die Käfige der Tiere selbst zu bauen oder die für sehr viel Geld gekauften Käfige umzubauen . Besonders beliebt sind  hierbei 2. Ebenen, Hängematten oder auch Ausläufe für die Wohnung bzw. den Garten. Bei diesen Bauvorhaben werden ganze Baustoffhandel oder Baumärkte tagelang nach verwertbarem Material durchsucht oder die Teppichbeststände der Möbelmärkte aufgekauft.
Ein typischer Meerscheinchensüchtiger beginnt häufig damit, seine Wohnung oder sein Auto mit Meerschweinchen-Accessoires aufzuwerten. Es sollen hier besonders Kalender, Fotografien, Schlüsselanhänger, Postkarten und Aufkleber genannt werden. In schweren Fällen werden dafür stundenlange Fahrten mit dem Auto zu den Verkaufstellen als besonders interessant empfundener Objekte auf sich genommen , Tonmeerschweinchen, Braunschweiger Weihnachtsmarkt, 13.12.98]. Solche Exkursionen werden oft von ortsansässigen Süchtigen organisiert  und wochenlang akribisch vorbereitet, wobei es in der Regel zu einer kollektiven Berauschung an örtlich vorhandenen Meerschweinchen kommt. Häufig werden die begehrten Objekte auch aus dem Ausland importiert, wobei hier z.B. der Winking-Cavy-Store als Bezugsquelle dient. Diese Massnahmen führen häufig zur Vereinsamung, da Nicht-Erkrankte häufig beim Anblick der Wohnung entsetzt fliehen. Verständnis ist allenfalls bei anderen Kleintiersüchtigen wie z.B. Kaninchenhaltern zu finden.

Zusammenfassend können wir also folgende Krankheitsbilder unterscheiden
1. das Meerschweinchen als Kindertier
In der Regel unproblematischer Krankheitsverlauf, da das Tier meistens geschenkt wird und der Impuls zur Haltung so oft von Erwachsenen ausgeht. Die Heilungschancen werden als gut betrachtet, in den meisten Fällen setzt eine spontane Selbstheilung spätestens in der Pubertät ein.

2. der Liebhaber
Meist ein Rückfall nach überstandener Krankheit im Kindesalter, er begnügt sich oft mit wenigen Tieren, die dafür besonders intensiv betreut werden. Einige Liebhaber halten sich selbst für ein Meerschweinchen.

3. der Sammler
Hierbei handelt es sich um eine besonders schwere Form des Liebhabers, da hier jegliche Selbstkontrolle verloren geht und hemmungslos immer weitere Tiere dazugekauft werden .

4. der Züchter
Dies ist die schlimmste Form der Krankheit, da diese hier auf Kosten der Gesellschaft weiterverbreitet wird. Sie führt häufig zur Selbstaufgabe, wenn z.B. der Züchter bei Schneefall frierend ohne Handschuhe Tee in die Tränken der Meerschweinchen füllt  oder sich erkrankt tagelang auf Ausstellungen aufhält 
 

Therapie:
Die Wissenschaft ist sich darüber einig, dass nur völliger Verzicht, ähnlich wie bei Alkoholismus, den Süchtigen zu einem normalen Leben verhelfen kann. Der Entzug gilt aus ausgesprochen schwierig, da "Meeschweinchen-Pflaster", wie sie z.B. bei den Nikotinabhängigen verwendet werden, zur Zeit noch nicht zur Verfügung stehen.
Im folgenden soll daher nun exemplarisch ein Entziehungsversuch am Beispiel einer Liebhaberin, 2 Tiere, also einem minderschweren Fall, beschrieben werden.

1. TAG (Donnerstag)
Nach einer ausgiebigen Verabschiedungszeremonie von ihren beiden Meerschweinchen wird die Patientin zur Erhöhung der Heilungschancen in eine meerschweinchenfreie Klinik nach London verbracht. Dort angekommen beginnt sie völlig zusammenhanglos dem sie betreuenden Pfleger von dem Verhalten der beiden Tiere während der letzten  Tag zu berichten. Die Patientin bekommt einen Wutanfall, als sie feststellt, dass der PC, mit dem sie Kontakt zu anderen Abhängigen aus der Selbsthilfegruppe DMSL aufnehmen möchte, auseinandergebaut und daher nicht zu benutzen ist. Nach massiven Gewaltandrohungen baut der Pfleger den PC zusammen und verrät das Kennwort für den E-Mail-Zugang, woraufhin sich die Patientin wieder beruhigt.

2. TAG (Freitag)
Der Pfleger verlässt um 8:30 die Klinik, um seinem Nebenjob zur Bezahlung der Telefonrechnung nachzugehen. Die Patientin erhält die Erlaubnis, den PC zum Mailen und zum (massvollen) Surfen im Internet zu nutzen. Auf diese Weise ist sie etwa 5 Stunden beschäftigt. Nachdem ihre innere Unruhe und die Entzugserscheinungen immer grösser werden, bereitet sie sich gegen 15:30 auf einen Ausflug in die Umgebung zur Suche nach Meerschweinchen vor. Dabei schliesst sie versehentlich die Wohnzimmertuer von aussen, deren Schloss defekt ist. Die Tür geht nicht mehr auf und die Patientin ist von Telefon, PC und allen Notrufnummern abgeschlossen. Selbst der Zugang zur Küche ist nicht mehr möglich. Panik bricht aus, sie verbringt die nächsten Stunden damit, auf die Rückkehr des Pflegers zu warten. Nachdem dieser gegen 17:30 immer noch nicht zurück ist, beschliesst sie, sich auf die Suche nach einer Telefonzelle zu machen. Sie bricht in hysterisches Gelächter aus, als sie beim Anziehen cremefarbene Angora-Meerschweinchenhaare auf ihrem Schal entdeckt.

3. TAG (Samstag)
Der unbefriedigende Versuch, einen Meerschweinchen-Schlüsselanhänger zu streicheln, löst einen heftigen Zitteranfall und Halluzinationen bei der Patientin aus. Nach dem Aufbrechen der Wohnzimmertuer durch einen am Freitag bestellten Schlüsseldienst darf die Patientin einige E-Mails an die Mitglieder der Selbsthilfegruppe schreiben und in Begleitung ihres Pflegers nach Richmond zum Einkaufen von Weihnachtskarten für andere Meerschweinchen-Abhängige fahren. Leider wurde die Route nicht sorgfältig genug ausgearbeitet und so floh die Patientin in einem unbeobachteten Moment in ein Zoogeschäft, wo sie sabbernd vor den Käfigen von einigen holländischen Meerschweinchen aufgefunden wurde.
Zurück in der Klinik rief sie John vom Winking-Cavy-Store an, während der Pfleger gerade in der Küche war, um die Lebensmitteleinkäufe zu verstauen. John verriet ihr Ort und Datum einer Meerschweinchenausstellung, worauf der Pfleger genötigt wurde, einen Anruf beim Veranstalter der Ausstellung zu tätigen, um eine Wegbeschreibung zu erfragen.

4. TAG (Sonntag)
Nach etwa 60 minütiger Fahrt wurde das Ausstellungsgelände in Tilehurst erreicht, wo etwa 100 Tiere zu sehen waren. Die Patientin ging mit einem tranceähnlichen, stupiden Grinsen von Käfig zu Käfig und faselte ständig etwas von Golden-Agouti-Crested, während der Pfleger im meerschweinchenfreien Nebenraum ein Schinkenbrötchen vertilgte. Nach der erfolgreichen Vernichtung des Brötchens wurde der Pfleger zu Kommentaren zu den unterschiedlichen Farben und Rassen genötigt und gewaltsam zum Anschauen besagten Golden-Agouti-Cresteds gezwungen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es dem Pfleger schliesslich, die Patientin zurück in den Krankenwagen zu bringen und an Orte zu fahren, die sie vor ihrem Rückfall vor über 10 Jahren besucht hatte. In Henley scheiterte das Ablenkungsmanöver kläglich, als die Patientin, die beiden in ihrer Fototasche mitgeschmuggelten Sperrholzmeerschweinchen (Made in Braunschweig) hervorzog. Die Exkursion wurde abgebrochen, da die Patientin massiv den Wunsch äusserte, E-Mails an die Mitglieder der Selbsthilfegruppe zu schreiben.

5. TAG (Montag)
Nachdem mehrere Versuche, die Patientin am Surfen im Internet, dem Betrachten von Meerschweinchenbildern und dem Dekorieren der Wohnung mit Meerschweinchen-Objekten zu hindern, erfolglos verlaufen sind, erklärt der Pfleger die Therapie für gescheitert und gibt seine Zustimmung zum Besuch der grossen Meerschweinchenausstellung in Frankfurt und zur Anschaffung eines weiteren Meerschweinchens im nächsten Jahr.

Fazit:
Wie wir gesehen haben, scheiterte die Therapie bereits nach wenigen Tagen. Als einzig sicherer Orte für den Entzug und das darauf folgenden Lebens ohne Meerschweinchen können lediglich die Polarregionen oder abgelegene Berggipfel oberhalb der Schneegrenze angesehen werden, da es nur hier zu einem Engpass an geeignetem Meerschweinchenfutter kommt und so keine Tiere gehalten werden können. Wärmere Regionen sind gänzlich ungeeignet, da sich die Krankheit von Südamerika ausgehend bereits nach Nordamerika, Europa, Asien und Australien ausgebreitet hat, lediglich aus Afrika sind dem Verfasser keine Meldungen über Krankheitsfälle bekannt, wobei dies auch an mangelnden Kommunikationsmöglichkeiten über Internet liegen kann.
Ein dauerhaftes Leben in den als geeignet eingestuften Regionen ist für die Masse der Meerschweinchensüchtigen völlig unmöglich, es bleibt also lediglich die Feststellung, dass diese Krankheit zur Zeit unheilbar ist.

Copyright Prof. Dr. Cavy Guinea´Pig 21.12.98

 

Quelle: C. Teutscher / Deutschland